Stéphanie Tschopp, «Filme zu machen, bedeutet Risiken einzugehen»

Zwischen zwei Filmen am Internationalen Filmfestival Freiburg (FIFF), einem Artikel für ihren Blog «Cinécution» und einem Kaffee haben wir Stéphanie Tschopp getroffen und mit ihr über Kino diskutiert.

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Erzählen Sie uns die Geschichte Ihres Blogs «Cinécution». Wie kamen Sie auf die Idee, einen Blog zu starten?
Kino liegt mir im Blut. Mein Urgrossvater, denn ich noch kennen durfte, war Eigentümer eines Kinos in Freiburg, des Kino Royal an der Schützenmatte. Er sprach oft mit mir von Kino. Meine Grossmutter, seine Tochter, hatte viele Hefte, in denen sie als Kind ausgeschnittene Fotos aus Zeitschriften mit Stars der 30er und 40er Jahre aufbewahrte. Ich verbrachte meine Zeit damit, in ihren Alben und in meinen Märchenbüchern zu blättern, denn sie faszinierten mich. Mein Vater war auch ein grosser Kinoliebhaber. Mit ihm sprach ich sogar in Dialogen aus Filmen (lacht). Das machte die ganze Familie völlig verrückt! Ich habe schnell begriffen, dass das Kino, die Musik (Stéphanie Tschopp begann sehr jung mit klassischer Musik) und die Literatur meine Welt sind. Da ich das auch bei anderen Kinoliebhabern beobachtet habe, glaube ich, dass man ziemlich jung zum Kino kommt. In der Jugend begann ich, kleine Zettel über die Filme, die ich gesehen hatte, zu schreiben. In diesem Alter, als ich «Citizen Kane» von Orson Welles sah, habe ich ausserdem begriffen, was Kino bedeutet, wie wichtig es ist und dass man unabhängig bleiben muss. Aber das blieb eine «diskrete» Leidenschaft, nur meine Familie wusste, wie begeistert ich vom Kino war! 2012 wurde ich von Freunden und Bekannten ermuntert und veröffentlichte auf Facebook meine ersten Artikel über das Internationale Filmfestival Freiburg (FIFF). Diese ersten täglichen Berichte vom FIFF zogen viele Leute an, weckten ihr Interesse und sprachen sie an. Nahestehende Personen haben mich angespornt, einen Blog zu starten. Ich verbrachte also das folgende Wochenende damit, meinen Blog aufzubauen, obwohl ich technisch keine Ahnung hatte (lacht). Schliesslich ist es mir gelungen, und «Cinécution» war geboren! Anschliessend hatte ich Lust, den Blog auch über den Rest des Jahres am Leben zu erhalten. Deshalb begann ich über neue Filme, neue DVD, die Geschichte des Kinos usw. zu schreiben.

Von da an ging es für mich Schlag auf Schlag. Ich bin Mitglied des Schweizerischen Verbands der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten geworden. Ich bin nun von Amtes wegen an allen Schweizer Filmfestivals akkreditiert und darf der beruflichen Jury der Fachpresse an über 70 europäischen Festivals angehören. Das ist sogar jetzt noch schlicht surreal. «Cinécution» bleibt etwas, das ich aus Leidenschaft für das Kino mache, einer grossen Leidenschaft!

 

Diese Woche ist das FIFF das grosse Ereignis in Freiburg. Was bedeutet das FIFF für Sie besonders?
Ich habe das FIFF entdeckt, als ich noch am Kollegium St. Michael war. Damals war das Festival noch nicht so bekannt wie heute, aber es hatte einen gewissen Ruf. Einige ausgewählte Filme waren «Vorwandfilme», um hauptsächlich über die Drittweltproblematik sprechen zu können. Ich für meine Person interessierte mich bereits dafür, denn ich bin sehr neugierig und mag das Kino. Es ist eine Kunst, die neugierig macht und Türen öffnet. Aber vor allem gab mir das Zutritt zu einem Kino, das noch nicht so verbreitet war wie heute. Die Filme, die am FIFF gezeigt wurden, schafften es praktisch nie in das normale Kinoprogramm. Ausserdem gab es an diesem Festival auch eine spielerische Seite. Gewisse Filme wurden simultan aus den Übersetzerkabinen übersetzt, denn die Filme waren nicht untertitelt. Die Person, die mit der Übersetzung beauftragt war, spielte in einigen Kurzfilmen alle Rollen. Es gab deshalb auch einen Teil Spektakel, obwohl die behandelten Themen stark und manchmal schrecklich waren. Diese erste Annäherung an das FIFF war eher punktuell. Nach und nach nahm das Festival in meiner Agenda mehr Platz ein, und heute nehme ich sogar frei dafür. Ich habe immer gern am Festival teilgenommen, denn man trifft dort Leute von überall her.

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Welches ist Ihr Ritual während des Festivals?
Ich bin ganz ungeduldig, bis das Programm herauskommt. Ich kann Thierry Jobin noch so bitten, ich bekomme nur selten Hinweise, was mich noch neugieriger und ungeduldiger macht (lacht)! Dann verbringe ich fast einen halben Tag damit, meine Woche so zu optimieren, dass ich mir möglichst viele Filme ansehen kann. Denn ich liebe das Kino, aber vor allem verschlinge ich es. Selbst ausserhalb des Festivals ist mein Filmkonsum horrend. Während des Festivals bin ich ab Mittag im Kino. Zwischen zwei Filmen treffe ich Leute und diskutiere mit ihnen über das Festival. In der Nacht schreibe ich dann an meinem Blog.

Können Sie uns eine Anekdote, ein Ereignis, das Sie an einer früheren Ausgabe des FIFF wirklich geprägt hat, erzählen?
Es gibt mehrere. Zwei haben mich besonders berührt. Das erste ist meine Begegnung mit dem Filmemacher Mohammed Rassoulof im Jahr 2012. Er machte einen Film, «Goodbye», der die Geschichte einer schwangeren iranischen Frau erzählt; sie muss abtreiben, aber kann das nicht tun, ohne dass ihr Ehemann es bewilligt. Deshalb will sie das Land verlassen. Dieser Film hat mich stark aufgewühlt. Erst am letzten Tag des Festivals, auf Drängen von Thierry Jobin , habe ich mit dem Filmemacher, Jurymitglied im Jahr 2012, gesprochen und ihm für seinen Film gedankt. Das war ein packender Moment. Ein weiterer unvergesslicher Moment war 2015 mit Géraldine Chaplin. Als Kind sagte ich meinen Eltern oft, wie toll es sein müsse, Kind von Charlie Chaplin zu sein. Ich war fasziniert von Chaplin, und seine Filme haben mich während der ganzen Kindheit begleitet. Als ich begann, die Filme seiner Tochter, Géraldine Chaplin, anzusehen, betrachtete ich sie als «Tochter von». Dann, als ich grösser wurde, bemerkte ich immer mehr, dass sie sehr viel mehr ist als das! Sie ist eine freie Frau, die zu ihren Entscheidungen steht. Sie ist sehr mutig, denn sie wagt es, Risiken einzugehen. Ich bewundere sie sehr. Am Ende einer Vorführung, bei der sie anwesend war, konnte ich sie treffen. Ich war sehr bewegt, und es war ein intensiver Moment des Austauschs. Sie ist eine grosszügige, bescheidene und unglaublich spontane Frau!

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Was gefällt Ihnen am meisten am FIFF in Freiburg?
Die Leute. Einen so einfachen und direkten Zugang zu Personen zu haben, die in Ländern, wo die Lage kompliziert ist, wo Filme machen zu einer politischen Tat wird, ist eine unerhörte Chance. Das FIFF ist eine Gelegenheit, einmal im Jahr Leute zu entdecken, die von anderswo her kommen, die etwas zu sagen haben und die es meistens sehr schön sagen, entweder mit einer Ausstellung, einem Vortrag oder einem Film. Dank dem Festival können wir die Kraft des Kinos zur Kenntnis nehmen. Wenn man das begreift, schaut man die Filme nicht mehr gleich an. Filme machen bedeutet nicht einfach, Träume zu verkaufen, es ist weit mehr als das, es bedeutet, Risiken einzugehen. Es ist Zeugnis für den Glauben an das Leben und an gewisse Werte wie die Freiheit. Am FIFF sind die Filme grundsätzlich Liebeserklärungen an das Leben, selbst wenn die Themen manchmal dramatisch sind. Das FIFF ist auch ein Ort der Begegnungen. Für den Blog kann ich mir dank ihm ein Netzwerk aufbauen und mit den Leuten aus den Kinokreisen diskutieren.

Das Festival hat qualitativ zugelegt: Es handelt sich nicht mehr um «Vorwandfilme» wie zu meiner Jugendzeit. Es ist ein echtes Filmfestival für Kinoliebhaber und weitere Personen, für Neugierige im Allgemeinen! Es ist ermutigend, festzustellen, dass neben den Kassenschlagern ein Kino existiert und seinen Weg zu den Leuten findet. Das FIFF ist ein Geschenk!

 

Linken
– Blog von Stéphanie Tschopp: Cinécution
– Internationalen Filmfestival Freiburg (FIFF)

Autor

Redaktion

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